Für ein Ende der Zersplitterung der ArbeiterInnenklasse!

Roter Aufbau Hamburg

Das deutsche Kapital hat aus den bisherigen Klassenkämpfen seine Lehren gezogen und setzt vermehrt auf Individualisierung, ideologische Integration und Ausbau eines Sicherheitsstaates. Dabei ist die Entfesselung des Überwachungs- und Sicherheitsstaates mit der ökonomischen Deregulierung und dem Abbau des Sozialstaates zu verstehen, damit sollen die am stärksten benachteiligen Gruppen kontrolliert und Vorbereitungen für zukünftige Klassenauseinandersetzungen getroffen werden.

In den letzten Jahrzehnten hat sich die Arbeitswelt rasant entwickelt. Der Produktionssektor ist längst nicht mehr die dominierende Arbeit in Deutschland. Es hat sich ein riesiges Heer an Dienstleistern gebildet. Moderne Arten der Arbeit versuchen gerade Freizeit und Arbeit so sehr zu verkoppeln, dass die Menschen ihre Arbeit ständig im Kopf haben, sich mit dem Konzern identifizieren und sich gern ausbeuten lassen. Die Arbeit wird immer mehr flexibilisiert, weshalb die Menschen oft ihr Sozialleben der Arbeit unterordnen müssen. Schichtpläne ändern sich wöchentlich, das Arbeitspensum täglich. Aber auch die Intensität der Arbeit ist enorm gestiegen; so versucht das Kapital jedes Zucken der Arbeitskraft auszupressen. Im Rahmen von der Industrie 4.0 sollen Menschen, Maschinen, Anlagen, Logistik und Produkte miteinander kommunizieren und kooperieren, die Produktion soll sich in Zukunft somit immer unabhängiger von menschlichen Einflüssen werden.

Neben der Individualisierung der Arbeitsverträge gibt es auch Brüche und Aufsplitterung von Beschäftigungsverläufen. Diese Entwicklungen führten zu einer Zersplitterung in Niedriglohnsektoren. Konkret wurde mit dem Abbau der Industrie in den imperialistischen Zentren der Zerfall und die Vertiefung der inneren Spaltung der arbeitenden Klasse manifestiert. Klassische Arbeiterviertel wurden aufgewertet und damit zerschlagen, so wurde das Rückgrat der Gemeinschaft gebrochen. Dies führte vielerorts zum Rückzug der Menschen in die Privatsphäre. Das Gefühl des unaufhaltsamen Abstiegs, der Verlust ihrer kollektiven Würde, ihr „Fallengelassenwerden“ von den linken Parteien und schließlich ihr fast vollständiges Verschwinden von der politischen Bühne spiegelt die Lage der ArbeiterInnenklasse in Deutschland wieder.

Was sind Klassen?
Lenin hat in dem Werk „Die große Initiative“ eine Definition erstellt, welche auch Heute noch aktuell ist: „Als Klassen bezeichnet man große Menschengruppen, die sich von einander unterscheiden nach ihrem Platz in einem geschichtlich bestimmten System der gesellschaftlichen Produktion, nach ihrem (größtenteils in Gesetzen fixierten und formulierten) Verhältnis zu den Produktionsmitteln, nach ihrer Rolle in der gesellschaftlichen Organisation der Arbeit und folglich nach der Art der Erlangung und der Größe des Anteils am gesellschaftlichen Reichtum, über den sie verfügen. Klassen sind Gruppen von Menschen, von denen die eine sich die Arbeit der anderen aneignen kann infolge der Verschiedenheit ihres Platzes in einem bestimmten System der gesellschaftlichen Wirtschaft.“
Die Arbeiterklasse ist also nicht im Besitz der Produktionsmittel und muss für ihren Lebensunterhalt ihre Arbeitskraft verkaufen. Auch sind ihre Angehörigen in keinen leitenden Funktionen, welche die Überwachung und Gestaltung der Produktion steuern und dadurch ihnen eine gesellschaftliche Machtposition verleihen würde. Außerdem eignen sie sich den gesellschaftlichen Mehrwert nicht an, sondern produzieren ihn. Zur ArbeiterInnenklasse gehören auch die Personen, welche dem ersten Arbeitsmarkt nicht zur Verfügung stehen oder ganz aus dem Verwertungskreislauf herausfallen.

Die ArbeiterInnenklasse ist trotz ihrer defensiven Position immer noch die gesellschaftliche Kraft, die im Stande ist den Kapitalismus in seinen empfindlichen Achsen, der Mehrwertproduktion, anzugreifen und die Maschinerie zu stoppen. Ohne Produktion kein Profit und schon bricht das Kartenhaus in sich zusammen. Besonders verheerend wird es, wenn Schlüsselindustrien stillstehen. Als in Frankreich die Raffinerien bestreikt wurden, sah der Staat sich genötigt, dies mit der Drohung eines militärischen Einsatzes zu unterbinden. Wollen wir das System an seinem Lebensnerv treffen, dann muss eine emanzipatorische und revolutionäre Bewegung sich immer noch in der Arbeiterklasse verankern. Sie bringt in ihrer historischen Rolle die ökonomischen und politischen Interessen der überwiegenden Mehrheit der Werktätigen unter dem Kapitalismus zum Ausdruck, da ihr einziges Interesse ist, sich und damit alle Klassen, aufzuheben.

Außerdem besteht in betrieblichen Kämpfen durch unsere Intervention die Möglichkeit, dass die KollegInnen den Klassenwiderspruch zwischen Lohnarbeit und Kapital als unversöhnlich begreifen. Jeder Cent, den wir mehr verdienen, wird dem Kapital entrissen; unsere Niederlagen sind ihre Siege. In gemeinsamen Kämpfen lernen die verschieden beschäftigten ArbeiterInnen, dass ihre privaten Probleme meistens gar nicht so individuell sind, sondern unsere Klasse oft die gleiche Bürde trägt und ihnen kann damit bewusst wird, dass sie eine Klasse sind. Das Kapital versucht gerade durch Individualisierung auf der Arbeit und der Zerschlagung der klassischen Arbeiterviertel diese kollektive Erfahrung zu unterbinden. Wenn jedoch einmal erkannt wurde, dass wir nicht freischwebende Individuen sind, sondern eine Klasse, dann können wir uns auch verteidigen und sogar zum Angriff für unsere Interessen übergehen. Hierbei müssen wir vor allem auch die Erwerbslosen einbinden. Wer keiner Lohnarbeit nachgeht wird als SozialschmarotzerIn gesellschaftlich ausgegrenzt und kann durch seine Armut auch an vielen gesellschaftlichen Ereignissen gar nicht mehr teilnehmen. Eine Abwärtsspirale von Scham, Ausgrenzung und sich Aufgeben setzt vielmals ein und erschwert den Wiedereinstieg in die Verwertungsmaschinerie. Arbeitslosigkeit ist dabei kein rein individuelles Scheitern, der Kapitalismus braucht einfach viel weniger Menschen für seine Produktion. Zudem wird durch Arbeitslosigkeit der Druck auf die noch Werktätigen erhöht. In ähnlicher Weise werden Flüchtlinge benutzt, um eine Spaltung weiter zu forcieren. Mit jedem ankommenden Flüchtling steigt folglich auch die Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt. Wir können nur durch unsere Solidarität dieser Konkurrenz entgegentreten, indem wir die ankommenden Menschen in gemeinsame Kämpfe integrieren. In gemeinsamen Kampagnen von „Arbeitslosen“, Flüchtlingen und ArbeiterInnen können wir die Logik der Konkurrenz untereinander um einen Job untergraben und aufzeigen, dass unsere gesamte Klasse ein Interesse am Umsturz der Verhältnisse hat. Dabei müssen wir klar machen, dass nicht die am schlimmsten Betroffenen des Kapitalismus an dem Elend in Deutschland Schuld sind. Es sind nämlich deutsche Unternehmen, die Jobs wegrationalisieren oder der deutsche Vermieter, der die Miete erhöht. Wir dürfen weder die Straßen, Betriebe noch die Stammtische dem rechten Gesindel überlassen!

Jenseits von Arbeiterfetisch und romantischen Vorstellungen von der ArbeiterInnenklasse ist uns klar, dass auch unsere Klasse vom Kapitalismus ideologisch verblendet ist. Unsere Aufgabe besteht aktuell darin, ein Klassenbewusstsein und auch Klassensolidarität zu wecken. Auch wenn diese Arbeit linken Befindlichkeiten widerspricht, weil die Adressaten unserer Politik nicht den Szenecodes oder den Sprachgebrauch teilen, dennoch ist dies der einzige Weg Stück für Stück aus der linken Szene auszubrechen und eine wirkliche gesellschaftliche Bewegung zu entflammen.

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