Was heißt und bedeutet eigentlich Kapitalismus?

Antifaschistische Aktion Burg

Derzeit gibt es eine erdrückende Massenarbeitslosigkeit, die in Millionen Menschen die Angst wachhält, morgen selbst zu den Überflüssigen zu gehören und sie mahnt, nur nicht aus der Spur zu geraten und in möglichst jeder Hinsicht den Vorstellungen derer zu entsprechen, von deren Wohlwollen die eigene Zukunft abhängt. Und es gibt die wohldosierte Drohung, dies sei erst der Anfang.

Wie schreibt man und was über den Kapitalismus? Sind es Definitionen die überzeugen, historisches Wissen, radikallinke, revolutionäre Ideen oder ein sachlicher Grundkurs Marxismus? Was möchte ich vermitteln? Was ist mir wichtig? Was macht mich wütend? Was macht dich wütend? Worin sind wir uns einig und wo nicht? Und dann, nicht unwichtig: Was treibt Menschen auf die Straße, um den Kapitalismus in seinem Dasein aus der Verankerung zu reißen? Denn das will ich. Wie erkläre ich meine Wut über das System und wem und zu welchem Zweck? Wie stelle ich heute die Systemfrage und wem?

Hier könnten jetzt langweilige und trockene Erklärungen stehen, warum die Bourgeoisie, als herrschende Klasse, das Proletariat, die beherrschte Klasse, ausbeutet und was das alles mit nichts (oder allem) zu tun hat. Dazu schreiben wir etwas zur Rolle der Produktionsmittel und dem Besitz dieser. Das alles wäre wichtig und richtig, vielleicht ein bisschen knapp, aber Marx hat den Kapitalismus ja schon recht ausführlich beschrieben. Treibt das Menschen auf die Straße? Können wir so den G20 smashen? Eher nicht. Menschen leben im Hier und Jetzt, im Kapitalismus – so nennen wir dieses Elend. Elend, das wir sehen, aber andere als Wohlstand interpretieren. In Wahrheit – liebe Leser und Leserinnen – ist Kapitalismus nämlich auch noch ein Denkgift. Kapitalismus ist hochgiftig und bei genauerer Betrachtung eine intellektuelle Zumutung. Im Kapitalismus wird uns „verkauft“, dass wir Arbeit (an-)nehmen und das tun, weil wir Bock drauf haben (müssen). Es ist unsere Pflicht, als Staatsbürger oder Staatsbürgerin, einen Beruf als eine Art moderner Gottesdienst tapfer abzuleisten – bis zum letzten Umfallen in die hölzerne Kiste.

Martin Luther hat den Begriff des „Berufs“ erfunden. Einen solchen Begriff der irdischen Pflicht zur Arbeit/Beschäftigung gab es vorher nicht, weder in der Theorie noch der Praxis. Arbeit diente dem Broterwerb und war zuvor das notwendige Übel, um sich und die Eigenen zu ernähren. Luther übersetzte die Bibel ins Deutsche und schrieb diesen Begriff hinein. „Beruf“ bedeutete von nun an, eine Pflicht auf Erden zu tun, um Gott zu gefallen. An Gott glauben in Sachsen-Anhalt nicht einmal 20 %.  Die protestantische Ethik als der Geist des Kapitalismus erhält sich dennoch. Genau das macht das „Abendland“ eben aus. Allein durch HartzIV mit dem Grundsatz des „Fordern und Fördern“, schreibt sich die Pflicht zur Arbeit und die Begeisterung über die eigene Ausbeutung fort. Die Nützlichkeit eines Menschen, sogar seine Menschenrechte, messen sich daran, wie sehr er oder sie den Marktinteressen dient und vernutzbar ist, bzw. sich bereit erklärt, vernutzbar zu sein. Es heißt dann sogar, es würde Arbeit genommen, stattdessen wird Freizeit verkauft – zu Lasten des eigenen Körpers. Der Reichtum derjenigen, die aus diesem Missverhältnis profitieren (können), wächst und wächst. Die Armut derjenigen, die sich ausbeuten lassen (müssen) wird immer absurder.

Warum zum Teufel machen das so viele mit? Warum rebellieren wir nicht? Warum ziehen Menschen, die kaum mehr haben als ihre nackte Haut, nicht los und nehmen sich, was sie brauchen? Warum nehmen sie sich nicht, was sie wollen? Was macht diesen Gehorsam aus? Selbst die Gewalt der Verteidigungsarmeen des Kapitals, von Polizei bis Armee, ist zahlenmäßig der Masse der Armen unterlegen. Die erste Reihe kann fallen, die Weiteren können jede Festung stürmen. Armut breitet sich aus. Warum stehen wir nicht schon auf den Barrikaden? Feigheit allein kann es nicht sein. Bitte.
Manche meinen, es geht uns noch viel zu gut. Erst wenn es richtig schlimm kommt, stehen die Massen auf und stürmen die Paläste. Das glauben wir nicht. Es ist bereits richtig schlimm. Menschen ertrinken in Massen im Mittelmeer, Menschen leben in Massen bei staatlich organisierter Armut von trockenem Brot und Wasser, bei Kerzenschein und Arbeitszwang. Menschen schinden sich kaputt und brauchen trotzdem noch staatliche Leistungen. Und das alles soll noch zu angenehm sein, um sich ein Stück vom Kuchen zu holen? Das glauben wir nicht. Oder besser: Wir wissen, dass da noch etwas Anderes ist.

Es ist diese Angst vor dem Abstieg, die uns von klein auf vermittelt wird, die uns dazu bringt, eine Berufsausbildung – möglichst gut genug – zu absolvieren und uns schämen lässt, wenn wir dem Markt nicht genügen oder gerade kein Bedarf an unserer Ausbeutung besteht. Mit Beförderung wird die „Karriere“ schmackhaft gemacht und minimalen Lohnsteigerungen bei deutlich schneller wachsenden Preisen. Wer nicht genügt, muss mit Verachtung und Sanktionen bei verweigerter Gefolgsamkeit rechnen. So kriegen sie uns gefügig.

„Die Schwachen müssen sich verändern oder sterben“, so droht der ehemalige Chrysler-Chef Vorsitzende Robert Eaton im Juli 1999 bei einem Kolloquium der Alfred Herrhausen Gesellschaft mit dem Motto „Der Kapitalismus im 21. Jahrhundert“. Nach dem „Ende der Geschichte“ schafft sich freies Unternehmertum eine Welt nach seinem Bilde, in der es „den Schwachen“, das bedeutet allen Menschen, die kein Geld oder Produktivvermögen besitzen, und allen Völkern, die sich dem internationalen Kapital noch nicht „geöffnet“ haben, nur die Unterwerfung unter sein Diktat oder den Tod durch Hunger oder Krieg zugestehen will.

Für die noch Lebenden hält die kapitalistische Realität Befindlichkeiten bereit, die auch im engeren Sinne von besonderem Interesse sind: Zunehmende Sinn- und Perspektivlosigkeit, Existenz- und Zukunftsängste, Vereinsamung und Verzweiflung. Den Hintergrund bildet nichts weniger als die globale Krise: In vielen Ländern der südlichen Hemisphäre herrscht weiterhin entsetzliches Elend und auch in westlichen Metropolen und vormals sozialistischen Ländern sind Armut und Massenarbeitslosigkeit zurückgekehrt. Mit dem Aufschwung ultranationalistischer und neofaschistischer Bewegungen und dem Aufstieg keiner demokratischen Kontrolle unterliegender Mächte wächst die Gefahr einer totalitären Gesellschaft und vor dem Hintergrund einer heraufziehenden Weltwirtschaftskrise werden militärische Konflikte wieder zum Mittel der Wahl politischer Akteure, im Wettbewerb um Verdrängung und Vernichtung.

Arbeitslose, Arme und Menschen, die in der Gefahr stehen, zu solchen zu werden können mit Sündenbockjagden („Ausländer nehmen uns die Arbeitsplätze weg“ usw.) die Angst vor Ausgrenzung, die eigene Ausbeutung und das Wissen um die Mitwirkung an der eigenen Unterdrückung verdrängen und die Hoffnung aufrechterhalten, dass ein einigermaßen gutes Leben mit Anpassung doch noch zu erreichen sei, während Angehörige der Eliten, „Besserverdienende“ usw. unter leichtem Bedauern über die „Unvollkommenheit der Welt“ das Wissen um ihre aktive Mitwirkung an der Unterdrückung anderer und daraus evtl. resultierende Schuldgefühle verleugnen können.

Angesichts der bedrückenden Realitäten des Kapitalismus entsteht neben Existenz- und Zukunftsängsten auch der Wunsch nach Veränderung. Es kann jedoch mehrheitlich kaum etwas getan werden, weil Veränderung Konflikte zur Voraussetzung hätte, und deren Vermeidung die handlungsleitende Prämisse darstellt. Auch den Reichen darf nicht „vorgeschrieben werden“, was sie mit ihrem Geld machen. Unvorstellbarer Reichtum soll toleriert werden, während dieser erst durch die Armut der anderen entsteht. Viele gute Ideen, wie zB. die Ablehnung von Leih- oder Zwangsarbeit, sind daher zwar erfreulich und lobenswert aber wirkungslos, weil die alleinige Verfügungsgewalt der Kapitalseite nicht eingeschränkt werden darf.

Zukunftsängste, Veränderungswünsche und gleichzeitige Konflikt- und Handlungsverbote bilden die Angelpunkte eines angstgesteuerten Massenbewusstseins als Ausdruck brachliegender Handlungsfähigkeit und ist Begleiterscheinung von Resignation und Empathielosigkeit.
Der neoliberale Diskurs gelangt damit ans Ziel. Selbst wenn sein asozialer Charakter erkannt und Veränderungen befürwortet werden, erfolgt kein widerständiges Denken, sondern die resignative Schlussfolgerung, dass sich ja doch nichts ändern lässt.

Die Tyrannei des neoliberalen Kapitalismus ist die allgegenwärtige Androhung des ökonomischen Untergangs und des sozialen Ausschlusses. Sie wird nicht durch Gewalt und Repressionen erzwungen, sondern durch Fakten aufrechterhalten. So, dass noch die eigene Unterwerfung unter die herrschenden Interessen als selbstgewählt und selbstgewollt erscheint. Trotz Krise und Perspektivlosigkeit regt sich nämlich kaum Widerstand gegen die Brutalität zeitgenössischer Politikprojekte. Die Benachteiligten fühlen sich sogar mitverantwortlich, das eigene Elend zu verschleiern, indem sie die wachsenden Profite, von denen für sie nichts abfällt, in einer absurden Wir-(Deutsche)-schaffen-das-Identifizierung mit den Mächtigen hinnehmen.